Karl und der Kuno

Eines Morgens nach dem Aufwachen hatte der Kuno Durst und wollte zum Wassertümpel. Normalerweise war Kuno ein fröhlicher Elefant und grüßte alle Tiere, die er kannte. Doch heute war Donnerstag. Und donnerstags war er manchmal ein bisschen traurig. Einfach so. Er fand es nicht so schlimm, weil es ja nur manchmal donnerstags war und er sonst gut gelaunt und unbekümmert war.

Aber heute, an dem ein bisschen traurigen Donnerstag, trotte er vor sich hin und sah nicht, wie die Sonne schien und roch nicht, wie die Bäume dufteten und hörte nicht, wie die Vögel zwitscherten. Als er gerade einen Vorderfuß absetzen wollte, hörte er eine laute, hohe Stimme, die empört rief „Hey! Vorsicht! Kannst du nicht aufpassen! Setz gefälligst deinen Riesenfuß wo anders hin!“ Kuno war sehr erschrocken und hielt seinen Fuß erst einmal in der Luft. Er schaute nach unten und sah nichts. „Es wird schlimmer“, seufzte er. „Jetzt bin ich donnerstags nicht nur traurig, sondern höre auch noch Stimmen“.

Und weil es sehr unbequem war, wollte er seinen wieder Fuß absetzen und da schrie es wieder „Sag mal, bist du blind und taub?? Hast du mich nicht gehört?“ Jetzt war der Kuno ganz verwirrt. Er behielt den Fuß oben und wollte lieber mit dem Rüssel den Boden abtasten. Auf den konnte er sich verlassen, weil der alles aufspürte. „Nein! Bitte nicht mit dem Staubsauger kommen“ rief die Stimme und überschlug sich fast. „Du bringst mich um!“ Kuno zog schnell den Rüssel hoch. Er wollte natürlich auf keinen Fall jemanden umbringen. Vielleicht war es doch nicht nur Einbildung, sondern da war wirklich etwas? Vielleicht ein Geist?

„Wer bist du? Bist du ein Geist?“ fragte Kuno  vorsichtig, weil er sich mit Geistern nicht auskannte und ein wenig Angst hatte. „Hä? Geist? Spinnst du? Wer glaubt denn an so einen Unfug! Schau doch mal richtig, du Trampeltier!“ kam es zurück. Kuno war ein wenig beleidigt, weil er nicht gerne Trampeltier genannt wurde, aber auch sehr froh, dass es kein Geist war. Und er wollte endlich seinen Fuß runter stellen. Deshalb sagte er „Also dann mach kein so Theater und sag, wer du bist, mir tun schon die Beine weh vom Dreibeinstehen“. „Gut. Ich bin Karl. Ich bin eine Waldameise. Du kannst deinen Fuß einfach ein bisschen weiter nach vorne stellen“.  

Kuno setzte seinen Fuß vorsichtig ein bisschen weiter vorn ab und war erleichtert, dass Karl so laut auf sich aufmerksam gemacht hatte. Er beugte sich ganz nach unten, wo er fast hingetreten hätte. Jetzt sah er etwas: Eine kleine, braune Waldameise. Das musste Karl sein! Er sagte: „Hallo Karl. Es tut mir leid, dass ich dich fast auf dich drauf getrampelt wäre. Danke, dass du mich gewarnt hast. Normalerweise passe ich immer gut auf, wo ich hintrete, aber heute ist Donnerstag. Da bin ich manchmal ein bisschen traurig und bin nicht so bei der Sache.“ „Schon gut“, sagte Karl, „ist ja zum Glück nichts passiert, du hast mich ja noch gehört. Und weißt du, heute ist doch ein sehr guter Donnerstag, du hast mir das Leben gerettet! Ich bin sehr, sehr froh darüber und möchte mich dafür bedanken. Hast du einen Wunsch?“ Kuno überlegte und sagte „Kannst du machen, dass ich heute nicht traurig bin?“.

Karl dachte nach und sagte dann leise „Es tut mir sehr leid, aber das kann ich wohl nicht“. Dann schwieg er ein wenig und der Elefant ließ den Rüssel hängen. Plötzlich sagte Karl fröhlich: „Aber ich kann dir Schatten spenden, wenn dir heiß ist!“ Da musste Kuno lachen, obwohl es ein bisschen trauriger Donnerstag war, und fragte neugierig „Wie willst du das denn machen, du Winzling?“ Jetzt hüpfte Karl hoch drehte sich vor Freude im Kreis und rief „Du hast gelacht! Du bist nicht mehr traurig! Aber ich kann dir wirklich Schatten spenden! Nämlich neben deinem Ohr für ein ganz kleines bisschen. Wenn ich mich dahin setze, kann ich dir sogar noch was erzählen.“  Kuno musste noch mehr lachen, weil auf die Idee, dass es ja auch nur ganz kleiner Schatten sein könnte, war er gar nicht gekommen. Und so hielt er Karl seinen Rüssel hin, damit der darauf hoch klettern konnte und Karl setze sich neben sein Ohr, spendete seinen winzigen Schatten und erzählte den ganzen Tag Geschichten aus dem Urwald und der Tag wurde sehr lustig.

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